Wimmer, Herbert J.
kühlzack & flexer
aggregat
515 S., [2008] € 29,–
ISBN 978 3 85449 298 6

Wir gratulieren
Herbert J. Wimmer
zur Verleihung der Heimrad-Bäcker-Preise 2009


Begründung der Jury (Friedrich Achleitner, Thomas Eder und die letztjährige Preisträgerin Waltraud Seidlhofer):
»Mit Herbert J. Wimmer wird der Heimrad-Bäcker-Preis 2009 an einen Wegbegleiter, Wegbereiter und herausragenden Protagonisten der österreichischen Avantgardeliteratur nach 1945 verliehen. In seiner reflektierenden Prosa (u.a. nervenlauf, die flache kugel, der zeitpfeil) erkundet Wimmer aus konstruktivistischer Perspektive die Frage, wie wir uns selbst und unsere Umwelt wahrnehmen können.
Mit seinem jüngsten Buch kühlzack und flexer hat Wimmer die Textsorte des experimentellen Romans um ein ausgezeichnetes Exemplar bereichert, und mehr noch: er hat die Textsorte auch verändert und neu definiert.
«


»die detektivin war in die sprache hineingeraten, nun gab es kein zurück.«

Herbert J. Wimmers seit vielen Jahren konsequent vorangetriebene schriftstellerische Arbeit erfährt mit kühlzack & flexer ihr Opus magnum. Hat er bei früheren Büchern noch mit dem Romanbegriff experimentiert, wird diesem letztendlich altmodischen Textgenre nun endgültig Adieu gesagt. Mit aggregat meint Wimmer »eine einheit (= œuvre), die durch anhäufung / zusammenfügung / verknüpfung / vereinigung / verdichtung / verloopung / collage / montage einzelner, relativ selbständiger teile« entsteht.

Die Protagonisten kühlzack und flexer sind sowohl Sprachfiguren wie Inter-Subjekte menschlichen Wechselwirkens: um von sich zu erzählen, müssen sie einander erzählen.

Wimmers Sprache ist voller Witz: aus »plaudertaschen« wird »er plaudert asche« und löst Kettenreaktionen aus: die »asche« wird mit »pompejanisch tot« assoziiert, dieses wiederum lässt die Detektivin »gradivanisch« schreiten und den Leser an Freuds Gradiva denken. Seine Sprache ist so geistreich, dass sie auch vor Kalauern nicht zurückschrecken muss: »das milchmädchen wartete auf den milchmann. zeit verging. kein sprichwort half.«

Wimmers Literatur ist ein Kosmos für sich, sie folgt ihren eigenen Gesetzen. Auf die Frage, wie er sich innerhalb eines derzeit allzu sehr aufs Geschichtenerzählen fixierten Literaturbetriebs positionieren würde, antwortete er: »ich sehe mich als einen mischcharakter, der mitten im erzählen die geschichten seines erzählens erfährt und diese erfahrungen in seine erzählungen einbaut, unfähig in seinem schreibprozess nicht zu erzählen, von dieser unfähigkeit nicht zu erzählen nicht zu erzählen. ad infinitum.« – Oder um es mit kühlzack & flexer zu sagen: »die detektivin war in die sprache hineingeraten, nun gab es kein zurück. alles seiende, werdende und vergehende war sprache geworden. meine sprache war ich geworden, sprache aus ich, eng gesehen, ich aus sprache, das schon eher. ich grosshirnrindenphänomen.«

Herbert J. Wimmer, geb. 1951 in Melk, lebt als Schriftsteller in Wien. Arbeiten für Rundfunkanstalten sowie literatur- und filmkritische Schriften, fotografische und zeichnerische Arbeiten.