
Stipendien und Gastprofessuren ließen sie diese so unterschiedlichen Regionen abseits touristischer Wege bereisen und dort ein ›normales‹ Berufsleben führen. Aber auch wenn es gilt, das Ausland nicht als (das) Fremde oder als exotisches Ferienparadies zu erleben, kann noch lange nicht von einer ›Eroberung‹ neuer Heimaten gesprochen werden. Der Bereich zwischen Heimat und Fremde ist eben ein weites Land.
Japan war für Sabine Scholl auch auf Grund der kaum überwindbaren Sprachhürde eine radikal andere Erfahrung als jene Länder, wo sie die Landessprache beherrschte oder sich diese rasch aneignen konnte. Doch selbst im fernen, sie sprachlos machenden Osten begab sie sich auf die Suche nach Ähnlichkeiten: »Nicht erst, seit ich in Japan bin, versuche ich herauszufinden, worauf es bei der Wahrnehmung des Fremden ankommt. Soll ich Unterschiede festhalten oder Ähnlichkeiten? Immer mehr neige ich zu Letzterem und kann nicht aufhören, Vertrautes und vermeintlich Bekanntes hier zu finden.«
Doch die übliche Situation ist, dass sich die westlichen Besucher ausgeschlossen finden: »Die meisten suchen nach dem schönen, alten, ästhetischen Japan, das sind die Nostalgiker, die Bewunderer der Gartenkunst, des Zenbuddhismus, der Architektur. Andere preisen die futuristischen Aspekte Japans, Mangas, Science Fiction, technischer Schnickschnack, erotische Abartigkeiten, das sind die Futurophilen. Kaum einer erreicht den Punkt, wo er sich dem Land von innen nähern kann.«
Sabine Scholl, geb. 1959 in Grieskirchen, 1988–1990 Universitätslektorin
in Aveiro, Portugal, 1996–2000 in Chicago, 2003 in Nagoya, Japan. Lebt
als freie Schriftstellerin in Berlin. Zahlreiche Buchveröffentlichungen,
zuletzt: Lissabonner Impressionen (Düsseldorf 2005).
Bei Sonderzahl: Die Welt als Ausland. Zur Literatur zwischen den Kulturen. Wien
1999