
Kurt Neumann (Hg.)
Die Welt, an der ich schreibe
304 Seiten
[2005] EUR 19,80
ISBN 3 85449 237 5
Welche vordringliche
thematische und ästhetische Anliegen bewegen derzeit literarisch Tätige
in Wien, in Österreich? Welche Werkzeuge und Mittel setzen sie für
ihre Arbeit ein? Gibt es Einschränkungen der in der Verfassung garantierten
künstlerischen Freiheit? Sind Absicht und Vermögen, bemerkenswert
gute literarische Werke zu schreiben, allein ausreichend, um darauf eine Existenz
zu gründen? Haben die Autorinnen und Autoren bei der öffentlichen
Bestimmung literarischer Qualität überhaupt Stimmrecht?
Das Literarische
Quartier der Alten Schmiede ist seit 30 Jahren unbeirrt der ästhetischen
und analytischen Aufklärungsarbeit der österreichischen Gegenwartsliteratur
verpflichtet.
Aus diesem Anlass wurden 30 Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Dichterinnen
und Dichter, von denen auch in den kommenden 30 Jahren substantielle und dauerhafte
Beiträge zu Bestand und Geltung literarischer Lebenserforschung zu erwarten
sind, eingeladen, mit einem Originalbeitrag ihre aktuelle oder künftige
Schreib-Welt in freier Weise zu fassen.
Beiträge von:
Susanne Ayoub – Bettina Balàka – Michael Donhauser –
Brigitta Falkner – Franzobel – Arno Geiger – Sabine Gruber
– Erich Hackl – Maja Haderlap – Josef Haslinger – Monika
Helfer – Elfriede Jelinek – Daniel Kehlmann – Gerhard Kofler
– Michael Köhlmeier – Margret Kreidl – Lydia Mischkulnig
– Anna Mitgutsch – Richard Obermayr – Doron Rabinovici –
Elisabeth Reichart – Kathrin Röggla – Evelyn Schlag –
Ferdinand Schmatz – Sabine Scholl – Franz Schuh – Thomas Stangl
– Vladimir Vertlib – Peter Waterhouse – Herbert J. Wimmer
Leseprobe:
Ich kenne die Welt nicht, ich habe Angst, von ihrem Spritzwasser naßgespritzt
zu werden. Ich kann die Welt nicht lenken wie ein Auto, das ich auch nicht lenken
kann. Ich bin auf Fernreisen nur zusammen mit vom Bildschirm wohlbehüteten
Menschen gegangen, Menschen, die sich zum Schlafen eigens auf feinen Kreuzfahrerschiffen
als Vorlage für mich in die Fernsehauslage gelegt haben. Alles öffentlich.
Alles privat. Keine privaten Auslagen, außer der fälligen Gebühr.
Für mich war das nichts. Mir gebührt etwas Besseres. Aber ich habe
es nicht bekommen. Es mußte mir schon längst reichen für das,
was ich gebraucht habe. Soviel Bedarf, und da muß ich halt schauen, wie
ich etwas erfahrbar machen kann, das ich selber nur von ferne und im Kleinen
erfahren habe, soviel davon, wie in einen Kasten hineingeht. Erfahren hab ich
alles also von anderen, die nicht ich waren, aus Räumen, die ich mir nicht
selbst erfahren habe, aus Erfahrungen, die ich überhaupt nicht gehabt habe.
Diese Welt hat es ja noch nicht einmal geschafft, mich mit mir selbst bekanntzumachen,
und mich selbst möchte ich schon überhaupt nicht kennenlernen.