
Drawert, Kurt
Emma. Ein Weg
Mit Fotos von Ute Döring
120 S., 31 Abb. [2005] EUR 16,–
ISBN 3 85449 228 6
»Mit der Treue eines Touristen zu seinem Reiseführer fahre ich dem
Emmaschild nach.« – Kurt Drawert folgt den topografischen Spuren
von Flauberts Madame Bovary, der »Promenade au pays d’Emma Bovary«
in der Normandie. So beginnt dieser Essay in Etappen im kleinen Ort Ry, den
sich Flaubert als Romanvorlage ausgesucht hat. Und die Schönheit der Landschaft
erscheint dem Reisenden schließlich wie eine Erschaffung nach dem Vorbild
des Romans.
Kurt Drawerts
Weg geht weit über das Topografische hinaus: Er versucht die Faszination
dieses Textes zu ergründen, den er »so oft wie keinen zweiten«
gelesen hat. Und er stellt sich die Frage, wer diese Emma Bovary, die den Leser
immer heftiger in ihren Bann zieht, ist.
Drawert schreibt
dabei einerseits eine eindrückliche Leseerfahrungsgeschichte, andererseits
zeichnet er – mehr genauer und begeisterter Leser denn Wissenschaftler
– Flauberts Schreibarbeit konzis nach: Er ergründet Flauberts »bis
zur Hysterie reichenden Streich- und Überschreibungszwang« –
den 400 Seiten des Romans liegen etwa 10.000 Seiten Vorarbeiten zugrunde –,
er geht der Problematisierung von Sprache nach und findet in der Flaubert’schen
Erzählperspektive eine mögliche Antwort auf die Faszination des Textes.
Wie Flaubert
die »Welt hinter der Welt« zum Vorschein bringt, macht Drawert die
virulenten Fragen und Phänomene hinter der Landschaft und Textfläche
von Madame Bovary sichtbar und in kulturgeschichtlichen Details griffig nachvollziehbar.
Parallel zu Drawerts Analyse des Autors und seiner Figuren wird auch ein »Gedanke
in Bildern« entwickelt, der aus der Gegenwart zurück auf die Geschichte
verweist und unter Berufung auf den szientifischen Apotheker Homais in Auschwitz
endet. Die Fotografien von Ute Döring in Verbindung mit dem historischen
Bildmaterial werden damit selber zu einem Text.