
Gerrit Confurius
Der Pinocchio-Effekt
Vom Eigensinn des Ich in einer verkehrten Welt. Essay
160 S., Broschur
Format: 13,5 x 21 cm
€ 18,–
ISBN 978 3 85449 317 4
Carlo Collodis Erzählung Pinocchio
wird stets als Kinderbuch gelesen. Gerit Confurius widerspricht dieser Lesart
und fragt vielmehr, warum wir ein Kinderbuch daraus machen. Denn wir könnten
die animierte Holzfigur wie Don Quijote als Narren ansehen, als hoffnungslosen
Psychopathen oder als Traumatisierten. Als Erwachsener würde jemand, der
sich wie Pinocchio verhält, uns peinlich berühren und Aggressionen
auf sich ziehen.
Ausgehend von dem Bedürfnis, in der
alterslosen Puppe ein Kind wiederzuerkennen – das Kind, das wir selber
einmal waren –, unterzieht Confurius den Pinocchio einer präzisen
Lektüre unter radikal verändertem Vorzeichen. Er versteht diese Geschichte
als Einladung an den Leser, mit sich selbst in einen Dialog zu treten. Eingeladen,
sich mit Pinocchio als Kind einverstanden zu erklären, kann der Leser seine
eigene nicht eingestehbare Narrenhaftigkeit und Unzumutbarkeit unverdächtig
verkörpert finden.
Gerrit Confurius verführt dazu, den
von Disney verhunzten Pinocchio völlig neu zu entdecken, indem
er ihn auf eine Ebene stellt mit Dantes Göttlicher Komödie
und Cervantes’ Don Quijote und mögliche Vorbilder auch in
der hellenistischen Satire ausmacht. Dabei erhalten vor dem Hintergrund kulturanthropologischer
Befunde und psychoanalytischer Denkmuster verblüffende Parallelen mit der
Jesuslegende viel Raum. Die Lektüre der Erzählung erweist sich als
Protokoll dessen, was sich bei der Lektüre mit dem Leser ereignet.
Gerrit Confurius, geb.
1946 in Lübeck, Studium der Germanistik, der Philosophie und der Soziologie
in Hamburg, Wien und München. 1984–89 Verlagslektor, 1989–92
Redakteur der Bauwelt, 1992–2000 Chefredakteur des Daidalos.
Seit 2000 freier Autor und Privatdozent, wohnhaft in Berlin. Publikationen:
Sabbioneta oder die schöne Kunst der Stadtgründung (München 1984);
Denn alle Lust will Ewigkeit ( gem. mit Isolde Ohlbaum, Nördlingen 1986);
Beiträge in diversen Büchern und Zeitschriften.