
Ujvary, Liesl
Kontrollierte Spiele
Sieben Artefakte
120 S. [2002] EUR 14,30
ISBN 3 85449 202 2
Das neue Buch von Liesl Ujvary enthält eine Reihe von radikalen, essayhaften
Texten, welche die Themen Wahrnehmung und Manipulation, den Komplex Sprache-Denken-Wirklichkeit,
ein wildes urbanes Leben, neue Medien und Technologien im Blackboxmodus behandeln.
Hier werden keine Geschichten erzählt, es gibt keine Personenkonstrukte, die
eine Handlung aufzubauen und sie dann wieder aufzulösen helfen. Hier gibt
es Sprach- und Vorstellungsbruchstücke, die sich auf bestimmte Realien beziehen,
verschieden konsistent, verschieden virulent. Sie infizieren das Bewusstsein,
das Bewusstsein reagiert darauf – reflektierend, erschreckt, neugierig
…
Unsere harte Realität ist eine digitale Realität, eine Bildschirmrealität,
eine Realität der Medien. Die Quasi-Realität von Supermarkt, Copyshop oder
U-Bahn ist nur eine blasse Simulation. Trotzdem sind wir Warmblütler, erfüllt
von bebendem Leben und Emotionen.
Liesl Ujvarys Texte – angesiedelt an der Schnittstelle von politischem
Essay, science fiction und Poesie – beobachten das Individuum auf seiner
Reise durch die aktuellen Datenwelten. »Irgendetwas geht kaputt, das Kontrollgerät
piept, multiple Schichten von Reflexionen überlagern sich. Ein vielstimmiges
Brodeln, unterbrochen von lärmenden Warnsignalen, breitet sich aus. Wir suchen
Verständigung, die Fühlungnahme mit der eigenen Art. Dazu müssen wir die Codes
benutzen, die uns zur Verfügung gestellt werden. Die Codes sind lückenhaft,
verfälscht, eigenartige Substrate, die in älteren, nicht mehr gültigen Codes
wurzeln.«
»Natürlich
besitzen wir alle einen gewissen ›Spielraum‹ ...« Bei Robert Crumb, dem
amerikanischen Comix-Zeichner, gibt es einen Ministrip mit dem Titel »The Box«.
Zwei Figuren, die im engsten Raum zusammengekauert in einer Schachtel sitzen,
diskutieren bzw. beklagen sich über den unvorteilhaften Zustand der Welt. Liegt
es an der Welt oder an ihnen selbst, wenn sie unglücklich sind? Während die
eine der beiden Figuren die andere vom Letzteren zu überzeugen versucht, stößt
jene in einem Verzweiflungsausbruch ein Loch in die Schachtel. Erschrocken über
die unbeabsichtigte Wirkung dieser reflexartigen Handbewegung, beschließen sie,
das Loch besser zuzustopfen, und stellen dadurch den alten Zustand ihrer
Schachtelwelt wieder her. Dass ihre enge Welt mitten in einer offenen
Landschaft liegt, bleibt ihnen auf diese Weise verschlossen.
Das
Phänomen der Schachtelwelten könnte man auch als einen Ausgangspunkt von Liesl
Ujvarys Texten ansehen. Als Neophile, wie sie sich selbst bezeichnet, versucht
sie freilich nicht, Löcher zu stopfen und Fugen zu verkitten. Vielmehr ist sie
bestrebt, Ritzen und Öffnungen in den einzelnen Welten auszuforschen – wofür
sie ein feines Sensorium besitzt –, um möglicherweise durch sie
hinauszutreten aus einer Schachtel in eine größere Welt. Oder zumindest zur
Abwechslung in eine andere – nicht schlechter bestellte – Schachtel.
»Als
hätte man sein Leben in einer kleinen muffigen Kiste verbracht und sich darin
fast wohlgefühlt, in Ermangelung besseren Wissens ... und hätte dann ein
kleines Loch entdeckt, eine Öffnung, diese vergrössert durch Herumbohren, bis
ein immer grösserer Riss entstanden wäre, bis die ganze Kiste zerfallen wäre,
und man heraustreten könnte in die kühle klare Bergluft, inmitten tiefen
Tälern, seufzenden Wäldern, erhabenen Gipfeln, glitzernden Seen, funkelnden
Schneefeldern und einem tiefblauen Himmel.«
Das
Setting des Heimatromans, das hier verwegener Weise durchklingen mag, täuscht
allerdings. Es ist bei Ujvary genau so wenig zu erwarten wie das eines – wie
sie meint – in Österreich allzu verbreiteten negativen Heimatromans. Darauf
deuten bereits die Titel der einzelnen Prosastücke des Bandes hin: »Bad
Sector«, »Heavy Tools«, »Im Wahrheitsraum«, »Geheimsignale, Wortfolgen« ... Sie
lassen vielleicht auch schon einige der Themen erahnen, die der Autorin am
Herzen liegen und durch den Kopf ziehen, bevor sie in ihren Texten verarbeitet,
verwandelt und neu zusammengewürfelt auftreten. Sie umfassen unter anderem
Fragen der künstlichen Intelligenz und Gehirnforschung, Theorien der
Erforschung des Beobachters und Theorien der Wahrnehmung. Das Unternehmen
insgesamt versteht sich als ein groß angelegtes und immer wieder neu
organisiertes Wahrnehmungsexperiment, das unangefochtene Vorannahmen außer
Kraft setzt, kontrollierte Spiele in ihrem Regelwerk stört. »Entspann dich, es
ist an alles gedacht«, heißt es da zwar. Doch die Verunsicherung beim Leser und
bei der Leserin wird immer wieder von neuem motiviert: »Die ganze Sache ist
höchst illegal.«
Dass
die Autorin ihre Texte Artefakte nennt, kann man kaum ernst genug nehmen.
Hiermit ist nicht allein das Kunsterzeugnishafte ihrer Texte angesprochen. Auch
die elektrotechnische Bedeutung des Begriffs als Störsignal oder die
medizinische Bedeutung »einer meist mit einer Täuschungsabsicht verbundenen,
künstlich hervorgerufenen körperlichen Veränderung (z. B. Verletzung) « lässt
sich für eine Charakteristik der Texte ausbeuten. Ihre Zwischenstellung
zwischen politischem Essay, science fiction und Poesie, wie bereits im
Klappentext angekündigt, ist dafür formal maßgeblich verantwortlich. Der
Wechsel von essayistischer zu fiktionaler Schreibhaltung wird zur
Gratwanderung. Auf diese Weise werden Erwartungshaltungen der Lesenden subtil,
mitunter auch schmerzhaft gestört. Bilder werden evoziert, um sie im nächsten
Augenblick wieder implodieren zu lassen. Genrewechsel ereignen sich als
Übergang von einer Vorstellungswelt in eine andere, werden damit aber nicht
irreversibel, behalten sich vielmehr etwas Changierendes. Das Modell der
Schachtel reicht daher nicht aus, um die verschiedenen Überlagerungen von
Zuständen und Überlappungen von Welten zu erfassen, die im Zentrum von Ujvarys
Prosa stehen.
Darin
ist auch die Ursache für die Komplexität dieser Texte zu sehen, die auf den
ersten Blick aus einer einfachen, durchsichtigen Sprache mit vorwiegend
parataktischen Strukturen bestehen: »Die Hälfte meiner Sätze kann in der Kronen
Zeitung stehen! « Paradoxerweise, so könnte man sagen, setzen sich die Kronen
Zeitungs-Texte jedoch aus Schachtel-Sätzen zusammen und bewahren sich
dadurch ihre Simplizität. Sie verbleiben sozusagen in einer Schachtel, während
Ujvarys Sätze nicht nur ständig an ihren Außengrenzen kratzen, sondern
gleichzeitig mehreren Ebenen angehören. »Zumindest schreibe ich keine Kronen
Zeitungs-Texte«, so die Autorin bei einer Lesung.
Entsprechend
sieht Ujvary etwa auch die Funktion des Schriftstellers in der Position eines
Agenten, der zwischen den Welten vermittelt, wie sie es in einem anderen
Zusammenhang ausgedrückt hat. »Vielleicht sollten wir Schriftsteller uns als Kontaktleute
sehen, die sowohl in unserer grossen Welt leben können oder dürfen, als auch in
den kleinen virtuellen Kunstwelten, die manche von uns in der Literatur
entwerfen.«
»Natürlich
besitzen wir alle einen gewissen ›Spielraum‹ ... «, heißt es in dem Text
»Kontrollierte Spiele«. Doch was, wenn er sich etwas erweitern ließe?
Martin Reiterer