Aspetsberger, Friedbert
Schnitzler – Bernhard – Menasse
Der Umstandsmeier – Der Angeber – Der Entgeisterer
Dreimal gute Literatur
176 S., 37 Abb. [2003] EUR 16,–
ISBN 3 85449 208 1

Schnitzler, Bernhard, Menasse: Friedbert Aspetsberger geht es in seinen kulturwissenschaftlichen Essays um die Öffnung von tiefen Strukturen und die Belichtung von schönen Oberflächen. Dazu wechselt er die Perspektiven, überschreitet die Grenzen der Philologie und sucht Spuren und Parallelen seiner Themen in andern Bereichen, etwa in der bildenden Kunst.

Bei Schnitzler, dem aufwendig und genau arbeitenden Formkünstler (dem »Umstandsmeier«), erläutert Aspetsberger mit Bildern, darunter Dali und Magritte, die strategischen »Eröffnungen« und geht dann am Beispiel der berühmten Traumnovelle, die Stanley Kubrick verfilmte (Eyes wide shut), und der letzten Novelle Schnitzlers, Flucht in die Finsternis, der Konzeption der Geschlechtspositionen nach. Er erkennt eine »schwule Struktur«, die – sieht man sie einmal – offenkundig ist, die aber von Schnitzler gut abgedunkelt wird. »Die viel und Geschlecht redenden Helden versagen der Frau, die sie verhören, die Gefolgschaft«.

Thomas Bernhards Werk sieht Aspetsberger aus dem Blickwinkel der barocker Zeremonien-Vorschriften, nach denen der Vortritt der Fürsten gesichert und anschaulich inszeniert wurde (der »Angeber«). Ebensolche strikte und zeremoniöse Regelungen des Machtspieles strukturieren Bernhards Szenen, in denen er Geistesgrößen fordert, feiert und parodiert: etwa den wahnsinnigen Kant, mit seinem Hofstaat zu Schiff unterwegs nach Amerika, im Gespräch mit seinem Papagei Friedrich, der wohl weniger den preußischen König als alle Kant-Adepten bis heute symbolisiert. Deren universitären Teil unterwirft sich dann Bernhards Weltverbesserer, wenn er das Zeremoniell auf den Kopf stellt und die Professoren zu seiner Ehrenpromotion aus dem Festsaal in seine Wohnung zwingt: »keine Förmlichkeit – geben Sie mir das Diplom.«

»Dummheit ist machbar« und dieses Mach-Werk ist repräsentativ für unsere Zeit, meint Robert Menasse (der »Entgeisterer«) in seinem Leiden an ihr. Menasse geht es – nach Aspetsberger – hegelianisch um die »Schubumkehr« der Geschichte in der Gegenwart und dabei poetologisch und philosophisch ums Ganze: NICHTS ist zu sehn in dem abschließenden Roman seiner Trilogie Phänomenologie der Entgeisterung, wenn der Held Roman sprachlos immer ALLES filmt. Menasses Held Roman erzählt die Welt »Mouth wide shut«, wie sprachlos. Hingegen verfolgt sein Urheber in beredten Essays die laufende Politik, bis sie ihm gehorchen wird: der Romananalyse lässt Aspetsberger eine Darstellung der menasseschen Essaykunst folgen.

Alle drei Autoren werden von Aspetsberger als Formkünstler beschrieben, der Titel der Studien ließe sich von einer auf die andere übertragen, einzelne Bilder begegnen in allen drei Aufsätzen, die erst in einem abschließenden Text essayistisch auf theoretische Fundamente einer Kulturwissenschaft hinaufgeschoben werden, um nicht zu theorielastig zu sein.

»In Summe ein gleichsam informatives wie unterhaltsames Buch.« unique
»Der intellektuellen Szene täte es gut, wenn sie diesen so brillanten wie eigensinnigen Essayisten etwas sorgfältiger zur Kenntnis nähme. Der Band "Schnitzler Bernhard Menasse" bietet dazu die schönste Gelegenheit.« www.literaturhaus.at